Flex Ensemble – Au Suivant!

Offical CD Release February 2019
Pre-order per Mail: info@flexensemble.com

Unser hier vorgestelltes zweites Album (Au suivant!) stellt französische Musik aus drei verschiedenen Genres gegenüber: ein Jugendwerk von Fauré, das in der Form des spätromantischen Klavierquartetts geschrieben ist, Charakterstücke von Ravel in einer neuen Bearbeitung für Klavierquartett und eine bunte Mischung zeitgenössischer Interpretationen französischer Chansons von Claude le Jeune bis Georges Brassens.

Alles begann mit Fauré… Sein C-Moll-Klavierquartett ist eines der ersten Werke, dessen wir uns als Ensemble überhaupt widmeten. Zu diesem wohl bekanntesten Kammermusikwerk Faurés bauten wir sofort eine persönliche tiefe Bindung auf. Die emotional-weittragende Grundstimmung dieses Werkes, seine Farbigkeit in der Instrumentation, die fließende, dabei doch klare Form wie auch die faszinierende Entstehungsgeschichte, die sich hinter dem Werk verbirgt, vereinnahmten uns sofort, um dann unseren eigenen Ensembleklang und das Verständnis für die französische Musik zu entwickeln und auszuloten.

Einige Jahre später hielten wir dann ein unerwartetes Geschenk in den Händen: den ersten Satz von Ravels Ma Mère l’Oye in einer Fassung für Klavierquartett, die Shintaro Sakabe bearbeitet hatte. Kommentar zu unserem Wunsch, es in Klang aufleben zu lassen: „Versucht es einfach! Ich glaube, es wird funktionieren!“ Die dann erfolgreiche Auseinandersetzung mit dem so bearbeiteten ersten Satz war es, die ihn schnell veranlasste, auch die anderen Sätze der Suite für uns zu bearbeiten. Nach und nach bekamen wir eine Bearbeitung eines Folgesatzes nach der anderen, die wir jedes Mal bei Beginn einer Probe mit Entzücken wie ein unerwartetes Geschenk in der Hand hielten und öffneten. Schon lange zuvor integrierten wir immer wieder seine Arrangements in unsere Konzertprogramme und wir denken, dass diesmal die Magie der Bearbeitung darin begründet liegt, dass er nicht die Orchesterfassung für die Bearbeitung zugrunde gelegt hat, sondern die vierhändige Klavierversion. Sie ist von solch unglaublich klanglicher Intimität, ist von subjektiver Farbe wie aber auch von objektiver Auseinandersetzung mit der kompositorischen Struktur geprägt, so dass wir die orchestralen Klangfarben manchmal wie eine Woge bei der Ausführung spüren. Vielleicht ist dies das Tiefe, der Kern französischer Musiktradition, den wir in dieser Bearbeitung verspüren.

Schlussendlich war es aber unsere Idee eines Chanson-Projekts, die all diese Werke zusammenführte. Die Idee dazu rührte von einer kindlichen Erfahrung meinerseits her, denn, ohne dass ich auch nur ein Wort Französisch verstand, fühlte ich mich schon immer zum französischen Chanson hingezogen. Aufnahmen davon gab es zu Hauf vor in den von meinem Vater zusammenkopierten Kassetten, die sich in seinem Auto befanden, als ich noch Teenager war. Ich war fasziniert von den hoch emotionalen Liedern wie Ne me quitte pas von Brel. Der Umstand, dass ich nichts von den Texten verstand, störte mich damals kein bisschen, – es waren die theatralen Gesten in der Musik, die Orchestrierung und der unverwechselbare Art des Gesangs, die mir diese unverstandenen Texte vermittelten und sich meiner bemächtigten. Nun die Frage: Wenn sich eine solche Musik – ohne auch nur ein Wort verstehen zu können – in einer solchen Weise meiner bemächtigt, sollte es dann nicht möglich sein, diese französischen Chansons in einer Fassung für Klavierquartett genau so wirkungsvoll erklingen zu lassen, – ganz ohne Stimme, ganz ohne Worte? Würde es möglich sein, die Kernaussage der Chansons und ihren Charakter trotzdem erhalten zu können? Das war es, was meine von mir überzeugten Mitstreiter des Flex Ensemble und ich diskutierten, bevor wir drei Komponisten und zwei Arrangeure für unser Vorhaben gewannen. Entscheidend war für uns dabei, dass wir fünf total verschiedene Chansons erhielten, von denen wir hofften, dass sie in vollkommen unterschiedlichem Stil bearbeitet würden: Und das passierte dann tatsächlich auch.

Gordon Williamson entschied sich dafür, mit Chanson Ruée eine Komposition von nur einer Minute Länge zu konzipieren, mit der er eine lustvolle Karikatur des gesamten Genres „Französisches Chanson“ intendierte. Zwar sind Rhythmus und Phrasenlängen vorhanden, aber radikal beschleunigt; daneben zudem die Verwendung eines stark ausgeprägten perkussiven Elements und undefinierter Tonhöhen (ein aufmerksamer Hörer wird wohl seinen Georges Brassens im Verlauf wiedererkennen…). Unsere Erfahrung: Mehrfach begann das Publikum zu lachen, nachdem es diesen Satz gehört hatte.

Johannes Schöllhorn dagegen entschied sich für eine Bearbeitung eines Chansons von Claude le Jeune (1528-1600). Die dabei original verbliebenen Harmonien wurden auf vereinzelt dastehende Staccato-Dreiklänge im Klavier reduziert, die sich in ganz schwachen, kaum hörbaren Akkorden der Streicher fortsetzen, – das Ganze dabei unendlich gedehnt auf ein fast schon qualvoll zu nennendes langsames Tempo, das eine hohe Spannung sowohl bei Spielern wie auch Zuhörern erzeugt

Sebastiaan Koolhoven nun wählte sich Brels Au suivant als Vorlage. Wir lieben dieses Arrangement, das einem total anderen Genre angehört. Der darin vertonte verzweifelte, böse und enttäuschte Aufschrei wurde von ihm in ein hoch emotionales Arrangement für unser Ensemble überführt.

Konstantinos Raptis, auch ein guter, langjähriger Freund unseres Ensembles, hatte schon vorher immer wieder einmal Tango-Arrangements für uns geschrieben. Diesmal ist seine Herangehensweise ganz anders. Erscheint seine Introduktion noch ziemlich mysteriös und geheimnisvoll, so entwickelt sich daraus im weiteren Verlauf eine jazzige Musette, die am Ende eine verrückte und reichlich virtuose Explosion mündet.

Schon mehrere Werke haben wir von Gérard Pesson gespielt, und jedes Mal waren wir elektrisiert durch seinen absolut persönlichen und authentischen Schreibstil. Die von ihm verwendete Melodie von Rentrez Soupirs basiert auf einem vielfältigen Harmoniegewebe, Klängen, erzeugt am Ponticello, und einer Reihe von Spieltechniken, die fremdartige Klänge erzeugen, welche ein kaleidoskopisches Gesamtbild kleinster Facetten ergeben. Angefüllt mit diesen feinen Details und ihrer raffinierten, auf Präzision beruhenden Kombination, zudem mit ihrem außergewöhnlichen Sinn für Farbigkeit, eröffnen diese Klänge einen transzendenten Raum jenseits eines herkömmlich-gewohnten Klangs eines Klavierquartetts.

Unser Vorhaben, auch einer jüngeren Hörerschaft (Neue) Musik zu eröffnen, fand einen großartigen Partner in diesem Chanson-Projekt. Wir bekamen die Möglichkeit, Schulen zu besuchen und über dieses Projekt mit jungen Leuten zu sprechen: Wir spielen die originalen Chansons und die darüber entstandenen neuen Kompositionen und diskutieren mit dem jungen Auditorium, was es wahrnimmt. Dabei werden Spieltechniken erklärt, und wir sind immer wieder überrascht und beeindruckt, welche Reaktionen auf diese Musikstücke kommen.

Au Suivant ist daher nicht nur der Titel von Brels Chanson: Es ist auch die passende Beschreibung für die Art und Weise, wie wir denken. In einem erweiterten Sinn ist diese CD ein gutes Beispiel dafür, wie wir uns selbst sehen

Was nun als nächstes? Das Chanson-Projekt wurde in seinem Kompositionsbestand um Kompositionen aus einem Wettbewerb mit Auftragskompositionen erweitert. Die Sieger-Komposition Tale of an old picture II von Tak Cheung wurde in diesem Sommer 2018 premiert. Darüber hinaus hat uns aber dann das Arrangement von Ravels Ma Mère l´Oye noch dazu inspiriert, die darin enthaltenen unterschiedlichen Märchenszenen in einer Musiktheaterproduktion mit dem Titel “Märchen Reloaded” aufgehen zu lassen.

Wir werden diesen Pfad weitergehen: Musik erkunden, die verschiedenen Möglichkeiten ihrer Gestaltung erfahren und immer wieder nach neuen Herausforderungen Ausschau halten. Wir hoffen, dass Ihnen unsere CD gefällt… À la prochaine!

Martha Bijlsma

Übersetzung: Jürgen Kampe

* Die Fotos dieser CD wurden von Zuzanna Specjal gemacht Sie sind inspiriert von der Schwarz-Weiß-Fotografie eines Robert Doisneau.

Project Chanson

Johannes Schöllhorn | »plus blanche« | Chanson nach Claude le Jeune 

Claude le Jeune (1528-1600) ist bis heute einer der großen (in Deutschland) noch wenig bekannten Komponisten des 16. Jahrhunderts in Frankreich. Seine Begeisterung galt der Musik der griechischen Antike, insbesondere den chromatischen Tetrachorden, die harmonisch eine ganz besondere Farbe generieren und dem, was er »mesurée à l’antique« nannte, einer Rhythmik-Metrik, die wie in der griechischen Sprache ihr Metrum nicht aus schweren und leichten Zeiten, sondern aus Längen und Kürzen entwickelte. Beides ist in »Qu’est devenu ce bel oeil«, der Vorlage für »plus blanche« sehr

gut zu hören.  »plus blanche« setzt diese Färbung und metrische Irritation fort und verfolgt gleichzeitig eine Spur, die der Text des Chanson legt – die Beschwörung der Schönheit der Geliebten (»plus blanche – weißer als Milch, weißer als Schnee«), diesem Schatz, der auf tragische Weise im Grab versteckt liegt.

Sebastiaan Koolhoven | »Au Suivant« | Jacques Brel 

Mein Anliegen war, mit diesem Arrangement die Intentionen Jacques Brels in seinem Chanson „Au Suivant“ zu einer Version ohne Worte für das Flex Ensemble zu übersetzen. Brels Chanson ist ein Aufschrei der Wut und Enttäuschung darüber, dass der Mensch nicht einzigartig ist und das Individuum weniger wichtig, als es gerne wäre. Wir alle glauben, dass wir einzigartig sind, aber Millionen waren vor uns und Millionen werden nach uns sein, und am Ende wird man uns alle vergessen.

Gordon Williamson | Chanson Ruée (2017)   

Dieses „moderne“ Arrangement reduziert das Genre des Chanson zu einer Karikatur: eine überhastete und beschleunigte Version des Originals, mit percussiven, Klängen unbestimmter Tonhöhe, die den Hauptteil der ursprünglichen Klänge ersetzen. Die Rhythmus- und PhrasenStruktur wurde weitestgehend beibehalten, wodurch es den ZuhörerInnen ermöglicht wird die „fehlenden“ Tönhöhen und harmonischen Informationen trotz der hastigen und verkürzten Präsentation zu ergänzen.

Gérard Pesson | »Rentrez soupirs« | nach Marc-Antoine Charpentier »Rentrez, trop indiscrets soupirs« (»Weicht zurück, verräterische Seufzer«) nach von Marc-Antoine Charpentier (16431704) für Streichtrio und Klavier 

Als Marc-Antoine Charpentiers in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts seine Airs komponierte, unterteilte er sie, wie es unter seinen Zeitgenossen üblich war, in airs sérieux (ernste Airs) und air s à boire (Trink-Airs), die als Abkömmling der mehrstimmigen Gesänge des 16. Jahrhunderts angesehen werden können. Das anrührende »Rentrez, trop indiscrets soupirs« ist wie die letzte Blüte eines verschollenen Genres, die air de cour (Hof-Air), in der volkstümliche Schlichtheit und künstlerische Komplexität verschmelzen. »Rentrez, trop indiscrets soupirs« hat mich während meines gesamten Lebens begleitet. Hunderte von Male habe ich diesen Chanson in der Version von Arts Florissants gehört und inzwischen würde ich es als es Teil meiner »inneren Musikwelt« und zweifelslos auch meiner DNA bezeichnen. Aus diesem Grund habe ich sofort an diesen melancholischen und zugleich leichten Chanson gedacht, als mich das Flex Ensemble um eine Komposition für ihr Chanson-Projekt bat. Dieses kleine Chanson, das ich so sehr liebe, habe ich durch das Kaleidoskop meiner Erinnerungen betrachtet. Mit meinen eigenen Farben habe ich das Chanson neu geschrieben: die erste Strophe wird wiederholt (das zweite Mal etwas langsamer und ausgeschmückter), und mit der zweiten, etwas bewegteren Strophe, verbunden. Dadurch entsteht eine kleine Mikro-Dramaturgie, in der Resignation, Bedauern und ein gewisser schmerzlicher Genuss zum Ausdruck kommen. So endete die Zeit der Air galant und zugleich wurde die Epoche des C hanson – d’amour eingeläutet, die noch viel glorreiche Tage vor sich hat.

 

Konstantinos Raptis | »Flambée Montalbanaise« | Gus Viseur 

Die Musette ist ein seit dem 18. Jahrhundert im französischen Sprachraum verbreiteter Volkstanz, der im Laufe der Zeit in verschiedenen Formen und Besetzungen ausgeführt wurde. Als Volkstanz im

3/4-Takt war das Akkordeon lange Zeit verantwortlich für den Typischen Klang des Volkstanzes. Gus Viseur war einer der ersten Akkordeonisten, der die französische Musette dem Jazz näher brachte. »Flambée montalbanaise« hat er 1940, inspiriert von den Bombardements der Stadt Montauban, komponiert. Ursprünglich ein instrumentales Stück, wurde es unter den Musikern der “JazzManouche Szene” schnell sehr beliebt. 1990 verfasste der französische Jazz Sänger André Minvielle einen Text über Flambée montalbanaise. Durch seine Aufnahme ist es als »Chanson impossible« bekannt geworden.

Maurice Ravel (1875-1937) »Ma mère l’Oye« (»Mutter Gans«) in einer Bearbeitung für Klavierquartett von Shintaro Sakabe

I. Pavane de la belle au bois dormant
II. Petit poucet
III. Laideronnette, impératrice des pagodes
IV. Les entretiens de la belle et de la bête
V. Le jardin féerique

Project Chanson »französische Chansons neu bearbeitet für Klavierquartett«

Johannes Schöllhorn (*1962) »plus blanche« | Chanson nach Claude le Jeune (1528-1600)
Sebastiaan Koolhoven (*1959) »Au Suivant« | Jacques Brel (1929-1978)
Gordon Williamson (*1974) »Chanson Ruée« (2017)
Gérard Pesson (*1958) »Rentrez soupirs« | nach Marc-Antoine Charpentier (1643-1704)
Konstantinos Raptis (*1973) »Flambée Montalbanaise« | Gus Viseur (1915-1974)

Gabriel Fauré »Klavierquartett c-Moll, op. 15«

I. Allegro molto moderato
II. Scherzo. Allegro vivo – Trio
III. Adagio
IV. Finale. Allegro molto